Betrugsfälle

Die Bezeichnung Nonvaleurs kommt aus dem Französischen: non = nicht und valeur = Wert. Es sind wertlos gewordene und in diesem Sinn historische Wertpapiere. Es muss sich dabei zwingend um effektive Stücke, dass bedeutet „ein gedrucktes Stück Papier zum Anfassen“ handeln. Beispiele sind vor Jahren fällig gewordene Anleihen oder Aktien einer AG, die von einer anderen AG aufgekauft worden war. „Pleitefälle“ wie Wirecard und Co. bieten immer wieder Möglichkeiten, Aufmerksamkeit auf die „walking dead“ der Wertpapiere zu lenken.

Wichtig ist: Die Nonvaleurs können das Potential für Wertsteigerungen haben. Wer meint, man könne mit dem Papier nur den Kamin anzünden irrt sich.

Wie bei Fan- und Schmuckanleihen wird das Papier interessant, wenn es dazu eine interessante Story gibt, die man erzählen kann. Nonvaleur-Experten wissen: Nicht nur das Unvermögen ein Unternehmen zu leiten sondern auch Betrug kann eine Firma in die Insolvenz führen. Es lohnt sich, letzteres hier zu vertiefen. Denn oft gibt es eine so spannende wie dramatische Unternehmensgeschichte. Regionalsammler tauchen dabei tief in die Unternehmensgeschichte und/oder die Geschichte der Region ein.
Wenn die Story stimmt, kann es gut sein, dass ein Nonvaleur bei einer Auktion einen zwei- oder dreistelligen Euro-Betrag als Preis erzielt.

In diesem Zusammenhang ist wichtig:

  • Nicht alle Gesellschaften emittieren „effektive Stücke“.
  • Die Stückzahl ist begrenzt. Sie sind im Unterschied zu Münzen und Briefmarken durchnummeriert.
  • Man unterscheidet zwischen entwerteten und nicht entwerteten Nonvaleurs. Letztere sind teurer.

Im internationalen Kontext zählt die I.O.S. zu den bekanntesten Betrugsfällen. IOS steht für Investors Overseas Services, die Mitte der 60er Jahre von Bernie Cornfield gegründet und geleitet wurde. Die Aktiengesellschaft steht für den ersten großen Finanzbetrug der Nachkriegsgeschichte in den 60er und 70er Jahren. Da verwaltete sie ein Vermögen von 2.5 Milliarden US-Dollar. Der Nonvaleur hat aktuell einen Preis von rund 20 Euro.

In Deutschland zählen die „Westaffen“ zu den bekanntesten Fällen.

Die „Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft Victoria AG“ wurde anno 1897 gegründet und war in der Kolonialzeit in Kamerun erfolgreich. Sie hatte über 2.600 Mitarbeiter und soll die weltweit größte Kakaoplantage betrieben haben. Auch Tee-Anbau und der Handel mit Bananen zählen zu den Geschäftsfeldern.

12.000 Exemplare der Aktien wurden 1926 emittiert. Entwertete Stücke kosten bis zu 45 Euro, nicht entwertete bis zu 78 Euro.

 

Die Weltkriege führten zu mehrfachen Enteignungen, erfolgreichen Neustarts und Übernahmen.
Zwischenzeitlich gehörte sie zur Unternehmensgruppe „Cameroons Development Corporation“ (CDC) mit Sitz in Victoria, Südafrika, eine Gesellschaft die es immer noch gibt. Aber spätestens seit den achtziger Jahren verknüpft man die Westaffen mit Skandalen. So versuchte ein deutscher Strukturvertrieb Anleger zu motivieren, in fragwürdige Hotelprojekte in Brasilien zu investieren.
Die Aktie aus dem Jahr 1985, hier die Nummer 5649, ist optisch ansprechend.

1993 waren die Westaffen zur Unternehmensgruppe „AKJ Allgemeine Leasing AG“ mit Sitz im hessischen Butzbach geworden. Mit Betrug, Untreue, Bilanzfälschung und Konkursverschleppung beendete sie anno 2000 ihre unternehmerische Geschichte. Als Nonvaleur hingegen lebt sie weiter.
Ihr Alleinvorstand Wilhelm Just war nach der Pleite zunächst in die Dominikanische Republik geflüchtet. Er wurde nach vierjähriger Suche in Rio de Janeiro gefasst. Die regionale Presse berichtete ausführlich. Das Landgericht Giessen verurteilte ihn zu sechs Jahren Haft. Aufgrund der langen Auslieferungshaft in Brasilien wurde er zur Bewährung entlassen. Seine „Hinterlassenschaft“ in Butzbach ist ein repräsentatives Bürogebäude, der „Glaspalast“ genannt.

Der Preis für den Nonvaleur aus dem Jahr 1989 (entwertet, in sehr gutem Erhaltungszustand) beträgt heute rund 30 Euro.

Über den Autor

Rolf Krahe

Rolf Krahe ist Ansprechpartner für das Thema Kapitalmärkte: Kapitalmarktanalysen und Kapitalmarktkommunikation. Er verfügt über jahrzehntelange Erfahrung zum Thema Depotstrukturierung. Der Diplom Ökonom Rolf Krahe ist bekannt durch seine Beiträge im insider und der Mediathek.

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